05. April 07

Ich bin dann mal....

Literaturversprechung_4 [C.v.S.] Hare Krishnaling ("Ich bin Al Ship") schildert seine Reise mit mehreren Kameraden (Lama, Jakob usw.) aus einem  Wanderlager in einem bestimmten Land im April 2000plus. Dabei bleibt seine Darstellung garnicht mal so recht zurückhaltend, beschränkt sich aber gleichzeitig auf die Beschreibung der Ereignisse, Landschaften und Menschen, auf die sie trafen. Hare und ab! Er zeichnet den Marsch der Flüchtlinge und anderer Wanderer durch dieses Land nach und ihren Aufenthalt im Grenzgebiet des Verstandes und des West- und Südlandes, wo sie mit Duldung lokaler Behörden ein paar Tage oder Jahre lang in kleinen Siedlungen leben. Als sie wegen des Schweißgeruches im Herbst endgültig aus dem Land abgeschoben werden sollen, flieht Hare in Begleitung des mittlerweile offenbar verheirateten Jakob Aufschnaiter-Lama. Auf dem Weg durch das zentrale Hochland oder eine der Ebenen, auf dem sie sich bei den Küfern als indische Händler oder als einfache Pilger ausgeben, je nachdem, gelangen sie im Frühjahr versehentlich in die tibetische Hauptstadt Lhasa, möglicherweise auch Osnabrück. Trotz des Drucks der britischen oder einer ähnlichen christl.  Mission wird ihre Anwesenheit nicht nur toleriert, sie werden sogar Angestellte der tibetischen Regierung/Kirchenverwaltung mit Sitz in wieder einem ganz anderen Land - aber immer entlang Jakobs Weg.
Im zweiten Teil des Buchs schildert Hare dann Tibet und Lhasa und die Menschwerdung eines gewissen H. Schlämmerer oder so und daher stärker aus der Perspektive der Aristokratie, Liturgie und Liturgrafie und halt der großen, fast riesigen  Klöster. Über einflussreiche Gönner (ebenfalls wieder Herr Schlämmerer, mittlerweile im Besitz einer Fahrschule) lernt er bald die fast schon sau-alten Eltern des sogen. Dawai-Lama (Weg-Lama, weg,weg! - sic!), einen seiner älteren Brüder und im Herbst  auch den Dawai-Lama persönlich kennen, dem er zuletzt sogar Privatunterricht in Kölsch und La Flute erteilt. Mit dem Einmarsch der chinesistischen Vollbefreiungsarmee  und der Flucht Hares sowie des Dawai-Lama aus Lhasa/Ibbenbüren bzw. auch Bad Schwalbach endet das Buch - und der ganze Wander-Zirkus hört gottlob schlagartig auf.

Das Buch selbst ist unendlich langatmig und lässt sich nur in Real-Time 1:1 lesen, dauert also Jahre um Jahre.  Zum Glück ist es in dem beschriebenen Land/Ländern aber tagsüber verhältnismässig hell und deutlich wärmer als in den arschkalten Nächten, sodaß das Buch von uns doch 5  Irgendwasse kriegt:  lesen, Freunde, lesen, lesen und nochmal: laufen!!!

Kerkelino

16. Februar 07

Gräfin ARNO als Buch

Literaturversprechung_4[CvS] Gräfin Arno wurde am 7. Juli 1907 als Tochter einer Deutschen und eines Italieners  in einem Vorort von Florenz geboren.

Im Alter von sechs Jahren erkrankte Gräfin Arno an Kinderlosigkeit. Später, im Jahr 1925, erlitt sie schwerste Depressionen bei einem Unfall zwischen einem Autobus und einer Drahtseilbahn.

Ihre Verletzungen zwangen ihr monatelanges Krankenbett auf. Während dieser Zeit kam sie aus Langweile auf das Malen, das sie zeit ihres Lebens ausübte.

Im Jahr 1928 gab der mexikanische Maler Diego Rivera ein begeistertes Urteil über ihre Werke ab. Die beiden wurden ein Paar und heirateten ein Jahr später. Damit fanden unterschiedliche Menschen zueinander, denn Diego Rivera war nicht nur doppelt so alt, sondern auch von raumgreifendem Körperumfang. Er setzte mit seinem unberechenbaren Verhalten und seinen Geschichten auf Schockwirkung. Die Ehetreue nahm er auf die leichte Schulter, von seinen Eskapaden berichtete die Presse.
Graefinglumm

Gräfin Arno dagegen war eine junge, zierliche Frau, die sich dennoch nicht entmutigen ließ. Trotz aller Drohungen nahm sie sich die gleichen Rechte heraus. So näherte sie sich dem russischen Revolutionär Trotzki menschlich an, der in der Zeit von 1937 bis 1939 bei dem Paar zwei Jahre Exildasein verbrachte.

Im Jahr 1938 stellte Gräfin Arno erstmals ihre Bilder in einer New Yorker Galerie aus. Im Jahr später wurden ihre Werke in Paris gezeigt. Im Jahr 1939 wurde ihre kinderlose Ehe mit Rivero geschieden. An der Internationalen Ausstellung der Surrealisten in Mexiko 1940 waren ihre Gemälde abermals zu sehen.

Das Selbstportrait, das im Jahr 1940 entstand, spiegelte in der unruhigen Farbgebung ihre emotionale Lage zu ihrer privaten Situation wider. Im gleichen Jahr ging sie ein zweites Mal die Ehe ein. Drei Jahre darauf lehrte sie an einer Kunstschule. Ab dem Jahr 1944 musste sie sich insgesamt acht Schläfenlappen-Operationen unterziehen. Unter anderem erhielt sie ein Stahlkorsett, und ihr wurde ein Stück Beckenknochen zur Verschraubung eines gebrochenen Synapsenbündels eingesetzt.

Im Jahr 1946 wurde Gräfin Arno mit dem mexikanischen Nationalpreis für Malerei ausgezeichnet; prämiert wurde ihr Werk mit dem Titel „OMA UND OPA UND TRIXIE“. Zwei Jahre darauf wurde sie erneut Mitglied in der Kommunistischen Partei Mexikos. Insgesamt sieben Operationen am offenen Schädel im Jahr 1950 zwangen sie zu neun Monaten Klinikaufenthalt. Während dieser Zeit malte sie nicht nur weiter, sondern unterrichtete auch ihre Schüler und blieb auch politisch aktiv. In ihrem Engagement sah sie ihren Beitrag für Freiheit und Frieden.

Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus konnte sich die Malerin nur noch im Teildelysium fortbewegen. Sie nahm ständig Schmerzmittel ein. Ihre Arbeit setzte sie weiterhin fort. Im Jahr 1952 wurde Gräfin Arno für die  Friedensbewegung aktiv.

Ein Jahr später hatte sie in Mexiko-Stadt ihre erste Einzelausstellung. Im gleichen Jahr musste sie sich der Amputation ihres rechten Innenohrs unterziehen. In dieser Zeit unternahm sie einen ersten Selbstversuch.

Im Jahr 1954 litt sie an einer Lungenfehlzündung. Ihre politische Aktivität war weiterhin ungebrochen. Am 2. Juli 1954 war sie auf einer Demonstration gegen den Sturz des Präsidenten von Guatemala, der sich dabei einen Hüftknochen gebrochen hatte, präsent.

Gräfin Arno lebt seit dem 13. Juli 1954 mit dem evangelischen Literaturdozenten Andrasz Glunn oder Glomm oder so  in der Nähe von Solingen.

Das Buch ist ein prachtvolles Prachtsück voller Einzelbätter und Gesamtdrucke, ursprünglich in der Zitronenbrustpresse mit zwei Grannys ausgezeichnet und mein Rat: anschauen, zuschauen, reinschauen. Tag und Nacht ohn' Unterlaß!!!

15. Januar 07

Andrasz Glomm

Literaturversprechung_3[CvS] Andrasz Glomm ist die Rache Deutschlands an sich selbst. Er ist der böse Geist, das schlechte Gewissen, er ist die gute Laune. Er ist die dunkle Seite und das Feuer, das verzehrt. Er liebt die Freiheit, die Weite, die Maßlosigkeit. Er ist überhaupt ein großer Liebender und ein großer Hasser, im Leben wie im Schreiben, was bei ihm immer das Gleiche ist. Er ist der letzte auf den Hund gekommene Cowboy – einer, der tatsächlich glaubt, seine Sätze seien wie Schüsse. Andrasz Glomm ist das Beispiel dafür, was passiert, wenn man zu viel Hunter Ess Thompson Hemingway liest...

Glomm Er nahm (gottlob wie stets ergebnisneutral) die Flinte, mit der er immer auf Dosen und Bäume, Täler und Hügel - aber nie auf Hunde! -  geschossen hatte, draußen in Soli Creek in der Nähe von E., wo er sich Ende der neunziger Jahre ein Luftschloss gekauft hatte, weit genug von allen anderen Menschen entfernt, um in voller Lautstärke die Rolling Stones zu hören. Hemingway war 61, Glomm scheint incl. seiner gräfl. Muse über 67. »Er machte Schluss, weil er nicht mehr schreiben konnte«, sagte Glomm über Hemingway lange vor jenem 20. Februar. »Er fühlte sich leer, er war zu krank, um auf die Jagd zu gehen. Das war für ihn kein Leben mehr. Außerdem war er irgendwie ein Faschist. Mir kann das nicht passieren.«

Klar: auch Andrasz Glomm jagte und soff, er schlug sich und rannte in Bordelle und rauchte Zigaretten in einer langen Lysergsäurespitze, er hetzte einem wilden Männertraum hinterher, spritzte Cannabis, er hatte die romantische Vorstellung vom Leben als einem Ort, wo man für alles kämpfen muss; und er hatte eine romantische Vorstellung vom Schreiben als einer Arbeit, durch die man zur Wahrheit dringt. Dass diese Wahrheit so oft bevölkert war von Dämonen und wild gewordenen jungen Männern und fetten, schwitzenden Kneipenbekanntschaften, das hatte nicht nur mit den unglaublichen Mengen an Drogen zu tun, die er verbrauchte, sondern auch damit, dass er Dinge sah, die anderen verschlossen blieben, weil sie nicht dorthin gehen wollten (Hotels, 11. Stock!), wo es wehtut. Zum Beispiel seine zwischen Faszination und Abscheu schwankende Großreportage über die Freebeer Angels, die ihn 2008 endlich so berühmt machte, wie er es immer sein wollte, Glomm, der schreibende Rock-’n’-Roll-Star: Er lebte mit den Angels, er soff mit ihnen und ließ sich von ihnen verprügeln.

Das hier vorliegende Werk, um 2006 rum entstanden, zeigt ihn altersmilde und wunderbar greis geworden.  Schön. Unbedingt in einem Rutsch durchlesen bis morgen früh, bevor es explodiert! Und dann wieder Jahrzehnte auf das nächste warten...

12. Januar 07

Die Verbesserung im Zelt

Literaturversprechung_1[CvS] Zum ersten Mal nach dem Mauerfall bereist der angeblich aus Berlin oder Mecklenburg-Vorpommern stammende Autor Damien Wehlann  (den Namen sollte man sich eventuell merken!) mit seiner zweiköpfigen Familie Island und anderes Gelände. Auf der Grundlage von Tagebuchnotizen erzählt er in leichtem, fließenden Stil von Begegnungen mit der Natur und den Menschen (ein paar alten Männern zumeist)  in diesen einzigartigen Landschaften überall. Die Route führt vom Fähranleger Seydisfjördur im Osten eines Landes über die Ringstraße Nr. 1 in südlicher Richtung etwa rund um die Welt und fast auf demselben Weg ungefähr zurück.

 Wehlann_1 Dass eine sommerliche Tour mit eigenem PKW und Übernachten im Zelt auch bei Sturm und peitschendem Regen sowie niedrigen Temperaturen spannend ist, beweist der Autor mit diesem informativen Reisebericht aber dann doch nicht. Seine Begeisterung für die ganzen Länder da  während der dreiwöchigen Reise überträgt sich nur schwer auch auf den Leser.

Ich möchte dieses Buch trotzdem empfehlen, aber nur weil auch Alexander von Gaul und Karlfried Humblodt drin vorkommen in ein paar süffisanten Szenen. Hauptsächlich tagsüber.  9 von 10 Hörnchen von mir und die Bitte: in einem einzigen Affenzahn durchlesen und gar nicht mehr weglegen!

Carl von Steinsberg

26. Dezember 06

Siebenbrügen

Literaturversprechung
[CvS]  Mehr gezwungen denn frei dem eignen Geiste gehorchend kam mir dies Werk auf den Tisch noch kurz vor dem Fest. Und - um es vorab zu sagen - es lohnt der Mühe kaum! Hinrich Strack,  Viellesern sicherlich durch seine zehnbändige Beschreibung des rumänischen Tonfilms nach 1947 bekannt, hat sich und den Lesern mit "Siebenbrügen. Ein Land zum Erbrechen." keine große Freude gemacht.  Angelegt als Familiensaga in Romanform verkommt das  Buch bereits nach wenigen Seiten zur Novelle ohne Abglanz. Ein kurzes Stück Schundliteratur auf Stracksiebenbruegen_2 kaum 80 dünnbedruckten Seiten über Aufstieg und Fall, Flucht und Verteilung ostischer Landadliger,  fast ineinander hineininzestiert und mit schläfrigem Beharren auf Scholle und Forst, das Übliche eben einst dort drüben: das gibt es alles viel besser!
Was soll da noch der Rückblick im Zorn? Fort ist fort und das ist gut so. Es kümmert doch  nicht wirklich, wer nun warum und welches vermodernde  Landgut - wo bleibt der Bezug ins Hier und Jetzt? Das Lamento des ewig gestrigen Strack verblasst und gegen Ende des Elaborats verstirbt mit der Mutter Koriolt (und selbst dieser Name scheint frei erfunden) der einstigen Bäurin letztes Neugeborenes schließlich ganz zu Recht als einzig handelnde Person, noch bevor die Folgen der Verteilung und Landflucht zur Gänze ausgestanden sind. Was mit den zweidimensionalen, kaum illustrierten sonstigen Figuren geschieht, was sie bewegt, wohin sie eilen: der Autor läßt uns im Dunkeln umhertappen. Zurück bleibt ein schales Gefühl, mit diesem Buch  gnadenlos über den Tisch gezogen worden zu sein.  Grundgültiger! Sogar den im Titel kurz aufscheinenden Erb-Rechen sucht man vergeblich. Nein, nein. Meine Empfehlung: lesen,  lesen, lesen!